Leben anstatt Überleben!
Mehr Lebensqualität durch Trauma Integration.

Warum ich über das Thema Trauma schreibe?

Weil ich denke, dass viel Leid, Stress sowie psychischen Krankheiten auf ein nicht integriertes traumatisches Erlebnis zurück gehen. Ich möchte das Wort „Trauma“ enttabuisieren und Menschen Mut machen, sich liebevoll und bewusst sich mit den eigenen traumatischen Erlebnissen auseinander zusetzten. Im Sinne einer Integration von möglichen abgeschnittenen Teilen der Persönlichkeit, als auch um eine Weitergabe von Traumen an kommende Generationen zu reduzieren.
Ein Merkmal von Traumata ist die Verleugnung dieser. Statements wie: “Mir ist nix passiert! Ich hatte eine wunderbare Kindheit” werden nach Außen kommuniziert. Wir erinnern uns meist mehr an die positiven Dinge, an das was schön war. Oft sind es Halbwahrheiten, die die Realität verschleiern und einen rosa Filter über unsere Erinnerungen legen. Ja, wir haben hoffentlich ganz viel Gutes erlebt. Aber es gibt auch viel Anderes – schmerzhafte Erinnerungen. Die Verschleierung der Realität bindet viel Energie und kann zur Ausbildung einer Reihe von Symptomen führen.
Wir haben dieses Muster von unseren Vorgenerationen geerbt. Unsere Großelter konnten das Schlimme, dass sie im Krieg erlebt haben nur durch Abspaltung überleben. Werden wir uns nicht bewusst über unsere Traumen, werden auch wir sie unwissend weitergeben.
Was ist, darf sein
und was sein darf,
kann sich verändern.
– Werner Bock –
(Gründer Gestalttherapie)

Was ist ein Trauma?

Das Wort „Trauma“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie allgemeine Verletzung und Wunde. Ein Trauma ist nicht etwas was uns im Außen passiert, es ist vielmehr die Reaktion unseres Organismus auf eine seelische Verletzung oder eine starke psychische Erschütterung, die durch ein extrem belastendes Ereignis hervorgerufen wird.
Erlebnisse die zu schnell – zu plötzlich und in einer großen Intensität auf uns einströmen, werden traumatisch verarbeitet. Aus unserem biologischen Erbe stehen uns als mögliche Stressantwort Kampf, Flucht oder Erstarrung zur Verfügung. Fühlen wir uns stark genug – kämpfen wir. Fühlen wir uns unterlegen – bringen wir uns in Sicherheit. Ist Flucht auch keine Option, verschließen wir uns in uns selbst und hoffen, dass die Situation bald vorüber geht. Je kleiner wir sind, desto weniger Handlungsspielraum haben wir. Bei Stress wird ein ganzer Hormoncocktail bereitgestellt für Flucht oder Kampf. Ist beides nicht möglich, bedeutet das einen Supergau für unser psychisches System. Dieser innerliche Überregungszustand und äußere Starre bringt unser System zum kollabieren. Das ist ein Zustand von TRAUMA.
Es gibt zwei Arten von Traumata. Typ 1 (Schocktrauma) sind einmalige Erlebnisse wie ein Unfall zum Beispiel. Typ 2 sind Mehrfachtraumatisierungen, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken, wie zum Beispiel häusliche Gewalt. Sind Kinder einer lang anhaltenden traumatisierenden Situation ausgesetzt, spricht man von einem Entwicklungs- bzw. Bindungstrauma.

Bindungs- bzw. Entwicklungstrauma

Ein Bindungs- bzw. Entwicklungstrauma entsteht in einer frühkindlichen Phase zwischen einem Kind und einer Bindungsperson oder anderen wichtigen Personen.
Als menschliche Wesen sind wir zutiefst auf Bindung zu anderen Menschen ausgerichtet. Zunächst weil wir als kleine Babys ohne Menschen im Außen, die sich um uns kümmern würden nicht überlebensfähig wären.
Bereits im Mutterleib ist ein Säugling schon mit einem sensiblen Stresssystem, das sich im Nervensystem befindet, ausgestattet. Es kommt auf die Welt und die Empfindungen sind zunächst ganz anders als im Mutterleib, was schon ein gewisser Stress für das Kind mitbringen kann. Eine gut verbundene Mutter kann diesen Stress des Kindes sehr gut regulieren.
Ein kindlicher Organismus befindet sich in einem gewissen Stresstoleranzfenster wenn es sich gut versorgt fühlt. Es meldet ein Bedürfnis an, das Stressniveau steigt, die Bezugsperson befriedigt das Bedürfnis und das Stressniveau geht wieder nach unten und pendelt sich innerhalb des Stresstoleranzfenster wieder ein. Das nennt man auch Co-Regulation. Eine Co-Regulation findet also immer zwischen dem bedürftigen Kind und einer Fürsorge- oder Bezugsperson statt.
Wenn es einer Bezugsperson gelingt feinfühlig zu kommunizieren, präsent zu sein, verfügbar zu sein, zu co-regulieren, es zu nähren und es zu fördern sowie es zu unterstützen dann spricht man in der Bindungstheorie von einer sicheren Bindung.In einer sicheren Bindung kann sich ein Kind auf den „sicheren Hafen“ der Bezugsperson verlassen und seinem Bedürfnis nach Autonomie unbeschwert nach gehen.
Wenn aber, aus welchen Gründen auch immer, die Bedürfnisse eines Säuglings von der fürsorgenden Person nicht wahrgenommen wird und sich der Säugling außerhalb seines Stresstoleranzfensters begeben muss und keine Co-Regulation möglich ist, schüttet der Organismus des Kindes Stresshormone aus. Was sich lebensbedrohlich für den Säugling anfühlt. Diese Erfahrung prägt sich dann im Nervensystem ein. Passiert es öfters, dass ein Kind keine Co-Regulation seines Stresses erfährt, so ladet sich die ganze aufgebaute Spannung im gesamten Körpers des Kindes ab und eine Stressdynamik entsteht. Das heißt also, wenn sich ein Kind des öfteren außerhalb des Stresstolerenzfensters begeben muss und keine Co-Regulation stattfindet, kann ein Beziehungs- bzw. Entwicklungstrauma stattfinden.
Die Gründe warum eine Bezugsperson die Bedürfnisse eines Kindes nicht wahrnehmen kann ist unterschiedlich. Zum einen besteht die Möglichkeit, dass die Person nicht weiß was genau die Bedürfnisse des Kindes ist.
Weitere Gründe können sein:
  • Eigene Traumarisierungen (Mit sich selbst nicht verbunden zu sein hindert daran, mit einer anderen Person verbunden zu sein.)
  • Krankheiten (psychische Krankheiten, Suchtkrankheiten, schwere physiologische Krankheiten)
  • Belastende Situationen
Ein Kind mit diesen Erfahrungen ist nicht gleich schwer traumatisiert – es kann sich trotzdem bestens entwickeln und zu einem fähigen Menschen heranwachsen. Aber dieses Nervensystem des Kindes lernt es nicht mit Stress in Verbindung den eigenen Bedürfnisse umzugehen und es lernt möglicherweise nicht wie eine gesunde Bindung zu sich selbst und zu Anderen ausschaut.
In einer tieferen Schicht kann dieser Mensch im Erwachsenenalter durch Auslöser im Außen (triggernde Situationen) die Not, die es in der Kindheit erfahren hat nocheinmal erleben. Wie zum Beispiel Verlustängste, Alleinseins-Ängste oder Verlassenheitsängsten.
Menschen, die ein Bindungstrauma erlebt haben, haben nicht gelernt ihr eigenes Nervensystem durch Co-Regulierung solide zu beruhigen und dadurch ein gesundes Selbstvertrauen zu kreieren. Ein ständiges Gefühl der „Abgeschnittenheit“ zu sich selbst und Anderen kann die Folge sein.

 

 

Warum ist es für einen Menschen mit einem Bindungstrauma
oft schwer Lebendigkeit zu empfinden?

Lebendigkeit hat etwas mit sich ausbreiten zu tun, mit etwas vom Leben haben wollen, mit vertrauen zu können und sich größer zu machen. Kurz gesagt: Expansion.
Menschen mit einem Bindungstrauma haben in ihrer frühen Kindheit erlebt, dass wenn sie etwas haben wollen, vielleicht Nähe oder Berührung, sie zurückgewiesen werden. Das Gefühl von „weit werden“ und nach Expansion ist oft gekoppelt mit Angst, Zurückweisung und schlussendlich mit einem Gefühl von Sterben. Ihr System assoziiert mit dem Gefühl von Leichtigkeit und Expansion also eine Bedrohlichkeit. Da unser Organismus uns schützt vor gefährlichen Situationen kann es sein, dass jede Menschen sich sehr schwer tun das Gefühl von Leichtigkeit zu erfahren.

 

Ich wünsche mir das, das Schweigen und die Scham über Traumata sich wandelt. Ich wünsche mir das Traumatrigger erkannt werden und die Büchse der Pandora geöffnet werden darf. Denn alles was passiert ist, haben wir bereits überlebt. Es gibt keinen Grund alte Gefühle unter Verschluss zu halten.

Wenn alles sein darf, was uns widerfahren ist und wir alles zu uns nehmen – wir „ganz“ sein dürfen, hört auch die Überflutung aus unserem Traumagedächnis auf. Wir können dann als souveräne und gesunde Erwachsene den Stürmen des Lebens begegnen ohne regelmäßig auszuflippen oder in eine ohnmächtige Starre zu verfallen.

LEBEN anstatt ÜBERLEBEN!