…kommt neben dem Christuskind auch noch die verrückte Tante, der homophobe Onkel und der Opa mit seinen Altherrenwitzen. Wie bereitest du dich auf die Fallstricke der Familienfeiern vor?

Man kann sich noch so entwickelt, reflektiert, durchtherapiert und erleuchtet fühlen, gehst du deine Familie besuchen, kann es passieren, dass du schnell wieder in deine angestammte Rolle in der Familie zurück geworfen wirst.

Warst du der Schlichter? Der Schiedsrichter, der die Wogen geglättet hat?

Warst du das brave Mädchen mit den guten Noten? Die Vorzeigetochter?

Warst du der Rebel, der Krawallbruder, der Troublemaker?

Warst du der Pausenclown, der alle zum Lachen bringen wollte?

Wir werden immer ein bisschen der Schlichter, die Kluge, der Rebell oder der Clown bleiben. Im besten Fall definieren wir uns als Erwachsene nicht mehr über diese Rolle und versuchen darüber Anerkennung und Liebe zu gewinnen. Sondern haben diese Anteile selbst an-erkannt, den Nutzen, den sie uns als Kinder brachten verstanden und liebevoll in unser Sein integriert.

Mittlerweile hast du dir ein erwachsenes Leben aufgebaut und dich von deinen Eltern* erfolgreich abgenabelt. Weihnachten ist das Event des Jahres. Ich kenne kaum eine Familie, die kaputt genug ist, um an Weihnachten nicht zusammen zu finden. Egal, ob man nur so tut als ob oder man seine Familie als afrikanisches Dorf versteht, in einer Gruppe hat jeder seine Rolle.

„Egal, wie groß du bist, du wirst immer mein Kind bleiben.“

So oder so ähnlich hast du das vielleicht von einem deiner Elternteile gehört. In ihren Augen bleibst du Kind. Dazu gehört auch der elterliche Umgang mit uns „Kindern“. Auch sie verfallen in ihre alten Rollen, ohne es zu merken.

Je besser du deine Rolle kennst, desto tiefer kann das Verständnis für deine Gefühle und Handlungen werden. Du kannst deine Rolle in der Familie erforschen und frei legen. Dann kannst du dir ihres Vorteils und Nutzens bewusst werden. Du kannst den Teil, der dich nach wie vor produktiv in deinem Leben unterstützt annehmen und integrieren. Den Teil, den du als hinderlich empfindest, kannst du danken und los lassen.

Natürlich haben wir nicht nur eine Rolle. Unsere Rolle kann von Person zu Person variieren. Ich kann bei Papa ein starker, tapferer Junge gewesen sein, der keinen Schmerz kennt und bei Oma ein verwöhntes Nesthäkchen, das sich gerne Geschichten vorlesen hat lassen. Wir sehen urteilsfrei auf unsere Rollen. Da hab ich gedacht, MUSS ich SO sein, dort habe ich gedacht, DARF ich SO sein.

Gerade, wenn wir in unsere Kinderrolle fallen, kann es sein, dass wir uns viel kleiner fühlen. Wir empfinden weniger Macht über uns selbst, weniger Handlungsspielraum und Selbstvertrauen. Schnell identifizieren wir uns mit unserer alten Rolle und erkennen erst, wenn wir wieder in unserem „normalen“ Umfeld sind, was da geschehen ist.

Ich für meinen Teil fühle mich innerhalb der Familie unsichtbar. Als Kind war das mitunter eine Taktik. Heute ist es ein Glaubenssatz geworden. Wenn ich dann aus mir raus gehe und laut und lustig bin, kann das schon mal Gegenwind oder Irritation erzeugen. Weil meine Familienmitglieder es nicht gewohnt sind, dass ich Präsenz zeige.

Wenn nun dieser Gegenwind kommt, verfalle ich wieder in meine Kinderrolle. Klein und unsichtbar. Ich passe mich an und bin wieder leise und unkompliziert.

Bist du dir bewusst, dass du in diesem Moment in deine Rolle zurück fällst, kannst du inne halten und dir sagen:

Ich bin jetzt nicht mehr das Kind von damals. Ich bin erwachsen und muss nicht mehr leise und unkompliziert sein/rebellieren/schlichten.

Du musst dich nicht mehr anpassen. Du musst keinen Krawall schlagen für Anerkennung. Du bist nicht mehr verantwortlich für die Gefühle anderer. Du darfst so sein wie du bist, weil DU es dir erlaubst.

Diskussionen unterm Weihnachtsbaum

Hast du nun Familienmitglieder, deren Weltanschauung, politische Einstellung oder sonstige Werte sich eklatant von deinen unterscheiden, so kann eine längere Unterhaltung entweder ungute Diskussionen oder Magenkrämpfe verursachen.

Man kann lächeln, nicken und sich seinen Teil denken und daran fest halten, dass die rassistische Tante bald aufbrechen muss oder Opa sowieso zu alt für feministische Kampfesreden ist.

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*der Begriff Eltern schließt alle Bezugspersonen mit ein.

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