*Anmerkung: Die Autorin gönnt sich zur Zeit Weihnachtsferien. Daher gibt es einen Oldie-but-Goldie ihres Tumblr-Accounts. Viel Spass beim Lesen!

Ein gutes halbes Jahr liegt mein letzter Besuch in Ubud-fucking-Schmubud zurück, vieles hat sich verändert, nur das Wesentliche ist beim Alten geblieben. Zur Erinnerung: Ubud (und ich darf hier aus purer Faulheit mich selbst zitieren) ist ein weltfremdes Hippie-Hide-Away, das den geografischen, wie spirituellen Mittelpunkt von Bali bildet. Ein organisch einwandfreier, politisch korrekter und biologisch abbaubarer Eso-Traum, der das New-Age-Herz höher schlagen lässt.

Die Expats hier unterscheiden sich eklatant von denen, die ich meine Nachbarn nenne. Canggu und Umgebung, das Viertel in dem ich mich primär aufhalte und mittlerweile gar nicht mehr so unwohl fühle, gilt in Ubud als das „Gstopftn-Viertel“.

Das „Gstopftn-Viertel“

Da, wo die Hipsters mit ihren Ipads unterm Arm zum nächsten In-Café pilgern, um einen Espresso zu trinken und an ihren Fashion-Blogs zu basteln. Da, wo digitale Spiegelreflex-Kameras in der heißen Sonne glänzen und die ausdruckslosen Blicke von hübschen Mädchen einfangen, die in der neuen Kollektion des soeben gegründeten Labels „wie-hieß-es-noch-gleich“ am Strand entlang flanieren. Da, wo schnauzbärtige Typen der Marke „Berlin-calling“, „customized-vintage-motorbikes“ fahren und meist eines der In-Cafés besitzen, in denen sich dann die hübschen Mädchen treffen und Espresso trinken und so weiter.

 

Hier gibt es High-End-Fashion-Boutiquen und Flagshipstores und so viele In-Restaurants und Lokale, dass ich nie im Stande wäre, die hier alle aufzuzählen. Wäre auch brunzlangweilig, ganz im Ernst. Hier bauen finanzielle Mittel- und Schwergewichte protzige Villen mit höheren monatlichen Selbsterhaltungskosten, als die Standardmiete einer geräumigen Grazer Altbauwohnung beträgt. Hier sieht man noch echte aufgespritzte Möpse und Lippen, geliftete und chemisch gepeelte Gesichter, die zu Menschen gehören, die sich beim wöchentlichen Stelldichein im Beauty-Salon, die Klinken in die manikürten Pratzen drücken.

Zum einen. Zum anderen gibt es natürlich – wie konnte ich diese Subgruppe der ausländischen Einwanderer beinahe vergessen – die Surfer! Surfer-Dudes und Surfer-Chicks, braungebrannt, meistens tätowiert, gerne gesehen mit quietschbunten Surfshorts/Accessoires/Sonnenbrillen/Truckerkäppies, labern ewig und drei Jahre über fette swells, glassy waves, fucking on-shore und lassen sich gerne über egoistische Vollidioten aus, die ihnen die Welle geklaut haben, aber dann doch over the falls gegangen sind, haha, these morons! Diese Subgruppe ist hier wahrscheinlich noch am stärksten vertreten, obwohl vom Norden her, ein neuer, sandelhölzerner Wind her weht.

Hippie-Shambala Ubud

Und der kommt von Ubud. Fern von jeglicher weltlicher Anhaftung, egal ob es um materielle Besitztümer, das Ego oder Appetit auf Spaghetti Carbonara geht, lebt man hier am besten in Kommunen, wo man gemeinsam nackt in Quellwasser-Teichen badet und sich lieber an der Mondphase und aktuellen Venus-Mars-Konstellation orientiert, als am neuesten Fashion-Trend. Anstatt Vodka-Shots, gibt’s hier Weizengras-Shots oder doch lieber ein wenig Noni-Saft zur rohen Zuccini-Pasta? Ein Eldorado für Allergiker und Hypochonder jeder Spielart, hier gibt’s wirklich alles oder besser nichts: Gluten-frei, Lactose-frei, Nuss-frei, Fett-frei, Ei-frei, Hefe-frei, Spass-frei.

Also, wenn Bali schon mal ´ne Blase ist, dann ist Ubud der weltfremde Gedanke, eines realitätsfernen Vollzeit-Esoterikers, der eindeutig zu viele „Celestine“-Bücher gelesen hat. Das balinesische Shambala egozentrischer Blumenkind-Veteranen und Neo-Hippies, die sich hier zurückziehen, um hier das zu finden, was sie nicht im Stande sind, zu Hause herbeizuführen. Manchmal wirkt daher schnöder Kapitalismus authentischer, als verklärter Liberalismus, der nur bis zur eigenen Auragrenze reicht.

Und dennoch bewirken sich beide Pole gegenseitig, nähren sich, infiltrieren schleichend einander und wir alle spielen mit. In Ubud sind im letzten halben Jahr die High-End-Boutiquen wie organic-shiitake-mushrooms (magic-frei) aus dem Boden geschossen und bieten dort Mala-Ketten (diese meist braunen Gebetsketten aus Indien, die einem im Herkunftsland um kein Geld nachgeschmissen werden) um stolze hundertzwanzig Euro das Stück an. Malas sind normalerweise aus unspektakulären Materialen wie Kokosnuss-Holz gemacht oder viel banaler: die berühmteste Version, die sogenannte Rudraksha-Mala-Kette besteht aus Samenknospen eines Baumes, der in Indien so verbreitet ist, wie Fichten in der Steiermark.

Das wäre so, als würde man Ohrringe aus Tannenzapfen fertigen, vielleicht noch einen schönen Bommel in der entsprechenden Chakra-Farbe dazuknüpfen, und die dann um einhundertzwanzig Euro beim nächsten Christkindl-Markt feil zu bieten. Ob die Mala-Ketten in der High-End-Boutique auch im Ganges gebadet wurden, kann ich nicht sagen, aber nicht einmal die eingesetzten Korallen, Türkise oder Bergkristalle rechtfertigen den saftigen Preis, aber was tut man nicht alles um auch richtig erleuchtet zu werden.

Die passende Yoga-Klamotte gibt’s im Laden nebenan, inklusive Yoga-Handtuch, Yoga-Augenmaske und Yoga-Holzklotz. Die Bhagavad Gita gibt’s im Taschenbuchformat, viel Spass auch beim Lesen!

Laktose-intolerant?

Und dieser Trend rollt allmählich südwärts. Sie sind noch da, die In-Kneipen und High-End-Restaurants, die ganz ohne Organic-Sülzerei auskommen. Doch versteckt sich da nicht ein gluten-freier Karottenkuchen auf dem Dessertwagen? Okay, aus reiner Symphatie für unsere zöliakie-schen Freunde, die sollen ja auch ein bisschen Torten-Spass bekommen, ohne sich gleich anzuspeiben! Und dazu gehöre ich ja auch angeblich, zu der Gruppe der Glutenunverträglichen und Laktose-Intoleranten. (Dabei dachte ich immer, ich sei relativ aufgeschlossen.) Aber Kinesiologie sei dank wurde ich eines Besseren belehrt. Und werde aufgrund meiner diätischen Unbelehrbarkeit höchstwahrscheinlich an einer Überdosis Toastbrot draufgehen. Sei´s drum.



Aber worauf wollte ich hinaus? Achja, der Detox-Teufel ist los! Und wie! Als ich in Bali ankam und meine Heilpraktikerin des Vertraues (Schulmedizin, ach bitte, igitt!) mein Blut im Dunkelfeld analysierte und fast vom Stuhl kippte, weil meine „Leukozyten praktisch schon TOT sind(!)“, wurde strengstes und sofortiges Konsumverbot von Kuhmilch und Mehl verhängt. Auf unbestimmte Dauer, bis sich die armen weißen Blutkörperchen-Kerle wieder gefangen haben. Zuerst fühlte ich mich wie eine Aussätzige, aber zu meiner großen Überraschung fand ich mich in bester Gesellschaft wieder: „I eat no bread at the moment“, war noch eines der harmlosesten Statements, die mir in meinem mittel- und unmittelbaren Freundeskreis zu Ohren kamen.

♡ Unsere Buchempfehlung dazu:

PEACEFOOD von Dr. Rüdiger Dahlke

Zitronensaft – und wirklich NUR Zitronensaft – Kuren, Menschen, die sich temporär ausnahmslos von „grünem Saft“ ernähren (schmeckt wie Wiese), Kokosnussöl-Abführtage, die alte, aber noch immer gute Leberreinigung mit Olivenöl und Grapefruitsaft (hab ich gekotzt!), Saftfasten mit oder ohne Saft, dafür mit oder ohne Nahrungsergänzungsmittel, Kuren zur Ausleitung von Schwermetallen im Körper, die allgegenwärtige Raw-food-Bewegung, aber auf jeden Fall vegan und nebenher lässt man sich noch ein wenig Ozon in diverse Körperöffnungen einführen, bevor man zum Aura-Reading geht.

Und als mir eine bodenständige und relativ eso-unberrührbare Freundin auf meine Frage, ob wir einen Kaffee trinken gehen, antwortete: „Uh, nein danke, ich hatte heute schon einen“, war ich mir sicher: Der Detox-Teufel ist los! Der Detox-Teufel ist los!

Om Shanti

Und ehrlich: I´ve been there, done that, got the t-shirt. Und ja, ich hab mich irgendwie cool gefühlt, als das schlimmste vorbei war: der Hunger, der Frust, die Migräne, die Schlappheit, die Mordlust, wenn jemand mit einem Sandwich an mir vorbeigelaufen ist. Und noch cooler habe ich mich gefühlt, als ich das erste Mal nach drei Monaten in selbiges gebissen habe.

Für mich geht’s um Balance und Authentizität. Ich halte lieber die Pappen, solange ich noch immer mit dem Moped durch die Gegend gurke, das ja auch noch immer mit Benzin und nicht mit Eigen-Lulu betrieben wird und ich der Kellnerin nicht damit auf den Nerv gehe, ob das Schweinderl, dessen Speck ich konsumiere, auch im Hinterhof sein glückliches Leben gelassen hat. Und ein bisserl schimpfen werd´ich ja wohl noch dürfen, solange es meine getreue Leserschaft erheitert.

Und die Moral von der Geschichte? Ist heute leider aus, gibt’s nur mehr in Dosen und die werden heute nicht mehr aufgemacht. Vielleicht morgen. Dafür schließe ich mich lieber den durchaus angebrachten Worten eines eingefleischten Ubudianers an: macht ja nix, denn:

„Ich bin ja schon ziemlich erleuchtet.“

Namaste!

Quelle: my ordinary life

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